Kalender zwischen den Jahren von Karin Rohner

28. Dezember



Voegel

Aquarell von Karin Rohner

Amsel und Katze - eine Fabel



Es war einmal ein Amselpaar, das lebte seit vielen Jahren in Nachbars Garten. Im Sommer baute es sein Nest in einem der zahlreichen Nadelbäume. Der Amselhahn saß den ganzen Tag in den grünen Zweigen der Birke und schmetterte sein Lied. Der halb verwilderte Rasen mit seinen Insekten, Würmern und Schnecken bot reichlich Nahrung, sodass die Jungen der beiden in jedem Sommer prächtig gediehen. Im Winter fanden alle Schutz in den dichten Zweigen der Fichten. So führten sie ein richtig glückliches Vogelleben.
Bis zu jenem Tage Anfang März. Früh morgens rückten sie an: sechs Männer mit Baggern und Motorsägen. Die Hausbesitzerin hatte entschieden, dass die Bäume zu hoch in den Himmel gewachsen waren. Innerhalb weniger Stunden fiel alles, was in 30 langen Jahren gewachsen war, der Säge zum Opfer.
Herr und Frau Amsel sahen der Verwüstung vom Dachfirst aus zu."Was sollen wir denn jetzt machen?", klagte sie. "Der Baum,den ich mir schon seit Wochen als Nistplatz ausgesucht habe - er ist verschwunden!"
Sie kamen in meinen Garten, was mich nicht weiter störte. Doch das hier bereits ansässige Amselpärchen machte ein großes Geschrei:
"Das ist unser Revier!", krähte der Amselhahn.
"Wenn ihr Unterkunft sucht, ein paar Häuser weiter - gern! Aber nicht hier bei uns! Wir haben selber gerade so viel, wie wir zum Leben brauchen!"
"Aber ihr habt hier doch so viele hohe Bäume! Seht doch mal nach drüben, dorthin, wo wir bisher gelebt haben! Alles kahl. Als Platz zum Singen bleibt nur der Dachfirst. Ein paar Würmer könnten wir in dem Durcheinander vielleicht noch ergattern. Aber an ein Nest ist nicht zu denken!", sprachen die Vertriebenen.
"Was wollt ihr eigentlich!", riefen meine Amseln.
"Seid ihr nicht freiwillig abgehauen? Euer Revier ist doch noch da! Auch wenn es ein wenig unwirtlich ist im Moment. Wartet es doch ab! Sie werden eines Tages neue Bäume pflanzen. Bis dahin müsst ihr euch schon gedulden! Was meint ihr, wie es hier aussah, als wir uns ansiedelten! Dagegen ist es bei euch da drüben das reinste Paradies! Und außerdem - seid froh, dass ihr mit dem Leben davon gekommen seid. Uns sind ganz andere Fälle zu Ohren gekommen!"
Sprachen's und hackten auf die Hilfesuchenden ein.
Auf diesen Augenblick hatte Nachbars Katze, der es da drüben auf dem kahlen Gelände zu langweilig geworden war, nur gewartet! Sie sprang aus ihrem Versteck unter der alten Weide hervor und krallte sich den erstbesten Vogel. Wie es das Schicksal wollte, war es mein Herr Amsel. Die übrigen drei flogen zeternd umher und beklagten den jähenTod ihres Artgenossen.
Das schönste Revier ist für die Katz', wenn du es mit dem Leben bezahlst!
 
© Karin Rohner 1987


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